Ein kurzes Plädoyer für mehr Komplexität in Unterhaltungen

Wie oft erlebt ihr es, dass Mitmenschen vor lauter Verkürzungen und Stereotypen, Herunterbrechungen und Schlagworten die Welt verkennen? Ich nahezu täglich!

Die Welt besteht nunmal aus Komplexitätsreduktion, könnte man schlagfertig antworten und hätte recht. Denn anders, als mit solchen Werkzeugen ist es dem homo solitus anscheinend nicht möglich ein gegenseitiges Verstehen zu erzeugen. Während kurzer Tête-à-têtes, Kneipengesprächen, netten Unterredungen in freizeitlichen Umgebungen virtuell oder real, und besonders natürlich auch in beruflichen Kontexten und Gesprächen in technisch vermittelten Räumen: Im Internet und durch das Fernsehen. Man beschränkt sich auf das Wesentliche, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf die Spitze des Verstehens-Eisbergs um – und das ist meine Behauptung – Verstehen zu evozieren. Das Verstehen des Gegenübers. Oder?

Ich wage mich nun aus dem Fenster zu lehnen und verlange grad das Gegenteil: Mehr Komplexität in Unterhaltungen!

Aber wieso? Nunja, ich glaube, dass ein wesentlicher Bestandteil meiner Argumentation in der zunehmenden Raum-, Zeitstauchung alles Sozialen liegt und darin seine Basis findet. Sprich: Durch das Internet, Smartphones, Satellitenprogramme, kulturell-religiös-ethnische Akkumulationen in mittlerweile nahezu allen Regionen der Erde reicht ein solcher schmaler Nenner als Stufe nicht mehr aus, um gemeinsam den Weg des steilen und nachhaltigen Aufstiegs zum gemeinsamen Verstehen zu erklimmen. Denn: Die Stufen werden schmaler. Mit jedem Voranschreiten reduziert sich die nächstfolgende Stufe um den Anteil der enormen Lücken des Dahinters, des Eigentlichen, des eigentlich Gemeinten, des Nicht-Getrauten, des tiefen Verstehens und schließlich der Basis, um hierdurch weitergehen zu können. Bis nach oben. Bis ganz nach oben. Bis man endlich, gemeinsam angekommen ist und weiß, was der Andere nun meinte, dachte, fühlte: sagte! Ist es nicht auch widersprüchlich, dass exakt in jenen Zeiten der Raum- und Zeitstauchung, durch bahnbrechende Inventionen der Automatisierung, des im Grunde angenehmen Lebens in Tonnen von Freizeit keine solche Zeit mehr übrig ist für ein solches Gemeinsames? Ist es überhaupt möglich – das frage ich mich andauernd – eine immer komplexer werdende Welt, ein immer komplexer werdendes Sozialkonglomerat auch langfristig stabil zu erhalten? Ich wage es zu bezweifeln.

In Zeiten heruntergebrochener Ist-Schnipsel, in Zeiten fadenscheniger Ausreden eines solchen Gehabes kann dies deswegen auch ein Plädoyer dafür sein, sich mal wieder zu öffnen, zu hinterfragen und mitzuteilen – in Gänze. Dass dies ein nicht leichter, vielleicht sogar ungewohnter und unangenehmer Weg sein kann ist meines Erachtens doch gerade die Herausforderung, oder? Also: Bienvenue dans ma vie…

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