Moderner sozialer Wildwechsel

Eine konservativ kolorierte Replik auf den Begriff Freundschaft

In Zeiten zerstreuter Sozialverbundsfetzen, die szenetypisch lokal, temporal und personal kurz angebunden daherkommen, stellt sich nicht selten ein Gefühl sozialer Isolation ein, welches vielleicht auch nicht ganz unbegründet zu sein scheint. Die Frage, die diese nun folgenden Worte zentral leiten lassen soll ist jene, wie eine soziale Isolation – sei sie nun gefühlt oder gar erlebt – konstruktiv und mit relativ einfachen Mitteln angegangen werden kann.
Zu Beginn dieses Themas möchte ich einige persönliche Erfahrungen schildern, um diese zum Teil unangenehmen Hürden etwas genauer herausstellen zu können. Anschließend nenne ich einige Vorschläge, die diesen alltäglichen Herausforderungen nicht weniger als eine mögliche Strategie zum konstruktiven Umgang hiermit darstellen sollen.
Wenn ich von Freundschaften spreche, dann verstehe ich darunter das gegenwärtige semantische Konglomerat, welches im Grunde mehr und zugleich auch weniger als Freundschaften umfasst. Geprägt durch mediale Einflüsse – hier insbesondere seitens des Internets bzw. insbesondere dem Social Media – hat sich die Bedeutung des Wortes Freundschaft in den letzten, sagen wir zehn Jahren stark gewandelt. Gab es vor dem sogenannten „Zeitalter des Internets“ noch gewisse, relativ eindeutig voneinander abgrenzbare Klassifizierungen von Freund – der Psychologe Herb Goldberg schreibt über Freundschaft, dass

[s]ie unter anderem dadurch gekennzeichnet sei, dass Menschen aus Gründen zueinander kommen, ohne bestimmte Ziele, Zwecke, Nutzen etc. zu verfolgen. Diesen Menschen sei es in ihrer Beziehung zueinander nicht mehr wichtig, ob sie selbst Gewinner oder Verlierer sind; Überlegenheit spielt keine Rolle mehr.

die zumindest zwischen ferneren Bekannten, gelegentlichen Kumpels und wahren echten Freunden unterschied, so fallen diese drei Typen im gegenwärtigen Wortgebrauch von Freundschaft eben hierunter.
Diesem Bedeutungswandel scheint es nun auch geschuldet, dass eine gewisse Konvergenz innerhalb sozialer Beziehungen außerhalb fester Partnerschaften zu beobachten ist. Mit anderen Worten scheinen sich diese unterschiedlichen Freundschaftstypen nun innerhalb des Begriffs Freundschaft zu bewegen und sich gewissermaßen anzugleichen. Nicht mehr das Wie, sondern das Wieviele rückt in den Vordergrund von Freundschaft. Wen kennt, wen trifft, mit wem spricht man heute Abend? Welche Leute habe ich schonmal gesehen, wen davon könnte ich kennen lernen und wer davon ist bei Facebook? Dieses hier beschriebene Verhalten mündet nicht selten in einem regelrechten Abgrasen von Personen. Einem kurzen Hineintauchen ins Wasser, ohne Luft anhalten zu müssen. Grob an der Oberfläche kratzen und dennoch weitreichende Irritationen auslösen, die bis in zwei Kilometer Tiefe Veränderungen erwirken. Eigentlich an die Oberfläche zurück wollen und dort nach nur einem Verlangen: Gehör. Drastischer formuliert, auch als Aufmerksamkeit bekannt. Dem zentralen Moment allen Sozialen. Behaupte ich jetzt einfach mal. Zumindest wird es von vielen Soziologen auch konstatiert. Jenes nicht verweilende Voranschreiten durch die Menschenmassen, jenes rapide Sich-Wieder-Verabschieden hat sich im sozialem Miteinander des Einundzwanzigsten Jahrhunderts manifestiert.

Und jenes Verhalten ist es auch, welches die hier beschriebenen Überlegungen ausgelöst hat. Es waren Beispiele, Meinungen und Beobachtungen. Das Verhalten soll nicht auf normative Weise zerpflückt werden. Vielmehr sollen hier in ähnliche Richtung abzielende Gedanken ausgebreitet werden, die eine konkrete Frage bearbeiten sollen: Wie Fuß fassen?

Als Beispiel wähle ich einen nicht ganz so selten gewordenen Umzug in eine fremde Stadt. Ungezügelte Finanzbewegungen, und Auswirkungen hinsichtlich zunehmender Arbeitnehmerflexibilitäten machen eine solche Migration nicht unselten. Gegebenenfalls befinde ich mich nun in einer solchen Situation und komme an den Punkt, an dem mir das strickte Arbeiten zu viel und gleichzeitig zu wenig wird. Ich brauche Abwechslung – außerhalb meiner vier Wände. Außerhalb des Einzugsgebiets meiner Kollegen. Wie also eine solche schwierige Aufgabe meistern, vor dem Hintergrund des verändernden Sozialgefüges?

Die Antwort fällt recht ordinär aus: klassische Großgruppenkollektive, Organisationen – alltagssprachlich auch als Vereine, Verbände oder Mitgliedschaften bekannt. Das lose Umherschwirren, welches man besonders in den vereinzelt geballten, urbanisierten westlichen Industrieländern zu sehen bekommt, erschwert ein Aknüpfen an Ansässige, an Gleichgesinnte oder Weltenbummler. Zu wenig Gemeinsames, zu wenig Verpflichtung und zu wenig Struktur sind gegeben, um selbst ein banales Gespräch auf die Reihe zu bekommen. Ein Gespräch, das den ersten Schritt bedeutet, den ersten und wichtigsten Stein ins Rollen bringt, bleibt aus. Denn nichts ist an Verbindlichem gegeben, das ein solches Gespräch wahrscheinlich werden lässt. Kein gemeinsamer Horizont und keine gemeinsame Vergangenheit. Es bleibt die schlichte Kontingenz – der pure Zufall oder das eigene Engagement, welches einem verhelfen kann, diesen ersten Schritt zu vollbringen. Großveranstaltungen wie Disco oder Kino fallen heraus. Und auch Bars oder Restaurants sind minder hilfreich bei der Pflege von Beziehungen, bzw. hier vielmehr der Bekanntmachung von möglichen zukünftigen Beziehungen. Kneipengänger sterben aus. Und Veranstaltungen, die unter einem Motto laufen, sind wohl eher als Datingplattformen geeignet, denn als Freundschafts- oder Bekanntschaftshort. Die Gegebenheiten außerhalb solcher organisationalen Arrangements sind also entweder auf andere Sozialbereiche zugeschnitten, oder zu lose strukturiert, um wirklichen Kontakt zu anderen Menschen außerhalb des Zufalls aufbauen zu können.

Organisationen bieten nun das notwendige Mehr an Struktur und Themenhorizont, welches hierbei Abhilfe schaffen kann! Unterschieden werden muss hierbei natürlich noch zwischen formellen und informellen Organisationen. Formelle Organisationen – wie Firmen, Unternehmen, usw. seien an dieser Stelle nicht gemeint. Beschränken möchte ich mich hier auf die informellen Organisationen, die eben mit Vereinen, Verbänden oder grundsätzlich einer Mitgliedschaft gekennzeichnet sind. Und hierbei sind grundsätzliche Verhaltensweisen der Mitglieder recht ähnlich. Jedes Mitglied geht mit ähnlichen Erwartungen, ähnlichen Vorlieben und ähnlichen Ansichten hinsichtlich bestimmter Themenkategorien zu Treffen einer solchen Organisation. Man weiß worauf man sich einlässt. Man kommt in ein Gespräch. Man hat die Sicherheit über bestimmte Themen zu sprechen und Zustimmung, oder gar Anerkennung zu erhalten – ein grundlegendes soziales Bedürfnis. Und der vielleicht entscheidenste Punkt ist der, dass man ein Gespräch eröffnen kann, da eben diese Themen, Meinungen oder Anlässe hierbei recht sicher und strukturiert vorliegen; man letztlich nur noch eines dieser präsenten Angebote wahrnehmen und mit einem anderen Mitglied austauschen oder offen in die Runde kommunizieren kann. Die Unsicherheit einer sozialen Veranstaltung außerhalb organisational strukturierter Treffen kann hier also entscheidend kompensiert werden, so dass Freundschaften entstehen (können). Sie ist hierdurch natürlich nicht garantiert. Durch eine Mitgliedschaft in einer informellen Organisation – so hoffe ich, konnte hier zumindest in Ansätzen verdeutlichend skizziert werden – schafft jedoch eine sehr sichere Grundlage, die Freundschaften auch in Zeiten global vernetzter, kurzlebiger und semantisch neu interpretierter Sozialarrangements kultivieren kann und gerade jene flexibel gezwungenen Arbeitnehmer jenes Fundament unterbreiten kann, um das im Grunde hierdurch asoziale Leben ein stückweit sozialer werden lassen kann. Und diese recht konservative scheinende Einrichtung von Sozialarrangement scheint auch jenen ungezügelten und scheinbar unzähmbaren Eigendynamiken sämtlicher anderer Sozialer Evolutionen im 21. Jahrhundert eine sinnvolle Einrichtung entgegenzustellen, die Solidarität, Gemeinschaft und Gemeinsinn in gewissen Nuancen zu fördern vermag. Die politische Forderung engagiert euch mehr in Vereinen scheint also auch strukturelle Vorteile mitzubringen, die diesen Appell recht sinnvoll erscheinen lassen.

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Ein Gedanke zu “Moderner sozialer Wildwechsel

  1. Thank you for the sensible critique. Me and my neighbor were just preparing to do a little research about this. We got a grab a book from our area library but I think I learned more from this post. I am very glad to see such wonderful information being shared freely out there.

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