Erträumte Elite – Ein Auslaufmodell, oder postmoderne Realität?

Ressourcen sind beschränkt. In vielen Bereichen des Lebens wird heute eindringlicher als jemals zuvor offenbar, dass die Menschheit mit begrenzten Kapazitäten hantiert – hantieren muss. Nicht nur in ökologischer Hinsicht könnte bald eine kritische Masse erreicht sein – oder vielmehr übertreten – die zumindest nicht weiter steuerbare Folgen haben wird. Sei es nun der heraufbeschworene Klimawandel, der – ob durch den Menschen verursacht, oder nur beschleunigt – alsbald als ein solcher wahrgenommen wird. Oder das allzu knappe Gut Trinkwasser, welches auch in absehbarer Zeit für globale Konflikte maßgeblich als Ursache formuliert werden kann. Die Ressourcen sind knapp, nicht jeder hat Zugang zu den Ressourcen, die er braucht und nicht jeder hat entsprechend Macht, um sich einen solchen Zugang überhaupt auch verschaffen zu können.

Nicht anders sieht es nun im Bereich elitären Geplänkels aus: Der Elitenbegriff scheint sich gewissermaßen als Tau über sämtliche, gesellschaftlich entscheidend klingende, gesponnene Netze von diskursiver Natur zu legen und diese geradezu erst sichtbar und wertvoll werden zu lassen. Die Ressource, zu den wenigen legitimen Sprechern einer Gesellschaft zu gehören, zu den immer weniger werdenden, langfristig sicher gestellten Wohlhabenden des Planeten Erde zugerechnet zu werden, ist knapp. Und diese Knappheit scheint eine Art absorbierende Kraft zu veräußern, die vor allem im diskursiven, nicht weniger jedoch auch im praktischen Handlungsvollzug, sämtliche Energien auf das Streben zur Elite hin zu bewegen scheint. Diese Anziehungskraft ist erstaunlich, jedoch nicht außergewöhnlich. Man kann diese enorme Anziehungskraft in sämtlichen Bereichen öffentlicher Diskussionen erleben: Im Bereich von Bildungsdiskussionen – sowohl schulischer, als auch hochschulischer Belange – aber auch im Bereich von Diskussionen über Kapitalverteilungen und Verteilungsgerechtigkeitsfragen. Die Frage, die sich mir stellt ist nun die, ob diese grundsätzliche, quasi religiöse Anbetung von Elitentum auch seine Berechtigung besitzt, oder ob diese Elitesemantik nicht vielmehr auch eine übersteigerte Vorstellung vom besseren Leben ist, vom exklusiven und besonderen Dasein, welches anscheinend nur in Bezug auf das Elite-Sein ermöglicht wird.

Unter Bezugnahme funktional ausdifferenzierter Gesellschaften prozessieren gesellschaftliche Operationen in unterschiedlichen, einmaligen Systemen eigenständig nebeneinander her. Wirtschaft knüpft mit einer wirtschaftlichen Handlung an die nächste an, politische ergo stets an weitere politische und rechtliche eben an rechtliche Handlungen innerhalb jenes Systems, usw. Ein direkter Austausch von politischen Entscheidungen auf wirtschaftliche Prozesse kann hiernach nun beispielsweise nicht mehr stattfinden. Alles was an „die Wirtschaft“ seitens Politik herangetragen wird, entzieht sich somit direkten politischen Steuerungsversuchen. Die Systeme – darunter nun auch das Erziehungssystem – funktionieren nach diesen Ausführungen also geschlossen. Luhmann spricht hier von Autopoiesis. Weiter unterscheidet Luhmann nun noch zwischen drei bzw. genauer vier Systemebenen: Interaktionsebene (Gespräche zwischen einzelnen, wenigen Personen), Organisationen (als Kommunikation zwischen Personen, die sich durch Mitgliedschaft dieser Organisation auszeichnen, gängige Beispiele sind ein Unternehmen, eine Schule, ein Verein, etc.), die Funktionssysteme (also Politik, Wirtschaft, Recht, Erziehung, Kunst, etc.) und als übergeordnetes System die Gesellschaft. Wobei Gesellschaft sämtliche stattfindenden Kommunikationen umfasst und eben diese anderen drei Systemebenen einschließt.

Der Umstand, der innerhalb dieses Zusammenhangs nun zunehmend deutlich wird, ist der, dass in öffentlichen Diskursen, im konkreten privaten Handlungsvollzug immer stärker bewusst wahrgenommen wird, dass sich zwei gängige Erscheinungen hinsichtlich der eigenen Erwerbsbiographie massiv verändern:

  1. Die Ressource Mitgliedschaft in einer Organisation wird prekär
  2. Politische oder erziehungstechnische Steuerungs– und Kompensationsversuche scheitern zunehmend offensichtlich

und daraus ergibt sich schließlich

–> 3. Eine quasi realistische Überhöhung der Elitensemantik.

Wie ist das nun zu verstehen?
Zu 1.: Die sich auch im Kontext von Desintegrations- und Prekarisierungsdebatten einstellende Bewusstwerdung einer anwachsenden Exklusion von Personen zeichnet sich vermehrt als strukturelles Merkmal moderner Gesellschaft(en) ab. Die augenscheinlich dominierenden Funktionssysteme florieren also auch ohne die Beteiligung von Personen. An einem Beispiel wird dies deutlich: Man kann heutzutage sehr wohl ohne Beruf sein (Ausschluss aus einer Organisation) und trotzdem innerhalb des Funktionssystems Wirtschaft sozusagen inkludiert oder adressiert sein bzw. bleiben (Wirtschaftliche Kommunikation kennt nur Zahlen, praktisch kann dies beispielsweise Schulden bei einer Bank bedeuten, die man als Person zu zahlen hat). Die Funktionssysteme prozessieren also weiter, ohne dass eine zwingend notwendige Voraussetzung besteht, dass es einem als Person gut geht, dass man nicht zwangsläufig genügend Geld zum Essen, für eine Wohnung oder sonstiges besitzt. Trotzdem fahren die Funktionssysteme weiter in ihrem Tun fort. Die Politik entscheidet munter weiter, die Wirtschaft brummt oder schwankt zumindest, die Wissenschaft produziert weitere objektive Wahrheiten und das Recht entscheidet nach wie vor über Recht und Unrecht. Um diesen Umstand noch etwas genauer herauszustellen sei auf die Sachlage verwiesen, dass die Grenzen dieser Funktionssysteme keineswegs mehr national oder grundlegend territorial bestehen. Am Beispiel des Finanzsektors wird dies deutlich und auch in Bezug auf die globalisierte Wirtschaft, die gerade im Hinblick auf die am 1. Mai getroffene Gesetzesänderung eine weitere Öffnung vormals nationaler Wirtschaftsräume unterstützt hat, kann man ablesen, dass Funktionssysteme dem Wort nach funktional und nicht mehr territorial begrenzt sind. Eine logische Konsequenz dieser Veränderung liegt in den sich wandelnden Bedingungen einer nach wie vor begrenzten Mitgliedschaft einer Organisation: Personen drücken – da sie grundsätzlich erstmal in eine solche Organisation möchten (also einen Beruf haben möchten) – massiv den Preis. Die hochselektive Mitgliedschaftsregelung bedeutet bei ansteigenden Mitgliedschaftswünschen eben eine massive Abnahme des Lohns.

Zu 2.: Die skizzierte Verschiebung von Grenzen dieser Funktionssysteme, die also nicht mehr national bzw. grundsätzlich territorial verlaufen, hat nun weiter auch Konsequenzen hinsichtlich etwaiger Steuerungs- oder Kompensationsversuche. Die Politik merkt – und das vor allem in Deutschland, dem Land mit einer der bislang best ausgebautesten sozial- bzw. wohlfahrtsstaatlichen Einrichtung – dass sie selbst als geschlossenes System nicht mehr in der Lage ist, andere Systeme direkt zu steuern. Entscheidungen, die im Bereich der Politik entschieden werden, haben also keinen direkten Zugriff mehr auf beispielsweise die Wirtschaft. Denn diese operiert ebenso geschlossen und ausschließlich nach ihren eigenen Gesichtspunkten und Operationsweisen. „Gut“ gedachte Entscheidungen der Politik, können also immer weniger ein gewünschtes oder erhofftes Ergebnis in anderen Systemen erreichen: Eine Reform jagt dementsprechend auch die nächste, da sämtliche Entscheidungen andere Konsequenzen mit sich bringen, als erwartet. Verstärkt durch globale Migrationsbewegungen auf der gesamten Welt ist eine wohlfahrtsstaatliche Intervention gleichzeitig kaum mehr möglich. Denn einerseits können diese Einrichtungen kaum mehr in der Masse jene unter Punkt 1 genannten strukturellen Veränderungen in der breite auffangen, noch ist es bislang gelungen eine einhellige Regelung zu finden, welche Personen von diesen Leistungen Hilfe erwarten kann und welche nicht. Zu viele kurze oder vorrübergehende territoriale Bewegungen, zu viele Generationsunklarheiten hinsichtlich nationaler Zugehörigkeitszuschreibungen verunmöglichen gar eine konsistente Regelung jener Anspruchregelungen.
Und analog zu diesen Schwierigkeiten betreffs der Politik merkt auch das Erziehungssystem, dass es in autopoietischen Schwierigkeiten gefangen ist. Um mit Luhmann zu sprechen zielt

Erziehung […] nach Luhmann auf die „Selektion“ (S. 62 ff.) und „Trivialisierung“ (S. 77 ff.) der Schüler: auf deren Einpassung in gesellschaftliche Chancen und günstige „Ausgangslagen für eine spätere Karriere“ (S. 71). Der selbstverständliche Sinn und Zweck von Erziehung sei die „Karriere“. Das Erziehungssystem habe die Aufgabe, Lebensläufe und Karrieren zu ermöglichen. In der modernen Gesellschaft erfüllt es sie in Abgrenzung von der familiären Herkunft. Es neutralisiert Herkunftsdifferenzen und verpflichtet sich auf die Herstellung von „Chancengleichheit“, um dann erzieherisch neu zu selektieren. Luhmann spricht von einem „Umbau des Modus der sozialen Integration von Herkunft auf Karrieren, also auf Zukunft“ (S. 70): „Der Legitimitätsverlust von Herkunft (und damit: von Sozialisation in den guten Familien oder in der guten Gesellschaft) ist durch die Umstellung des Gesellschaftssystems auf einen Primat funktionaler Differenzierung bedingt“ (S. 70 f).

Nach diesem Vorbegriff von Erziehung – in der Absetzung von „Sozialisation“ – schiebt Luhmann eine Unterscheidung von „Medium und Form“ ein und führt aus, dass der Begriff „Kind“ durch den „Lebenslauf“ abgelöst werde. Erziehung erfolgt heute nicht als ein normativ und teleologisch klar fixierter Schritt vom „Kind“ zum „Erwachsenen“, sondern als offener, wissensbasierter Prozess, der einen Lebenslauf als soziale Karriere disponieren möchte.
via Niklas Luhmann: Dieter Lenzen (Hrsg.): Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Frankfurt am Main 2002. – H-Soz-u-Kult / Rezensionen / Bücher.

Erziehung oder auch Bildung bereitet oder soll vielmehr auf eine Karriere, zumindest jedoch auf eine Erwerbsbiographie hin vorbereiten. Durch die Auflösung geburtsbegründeter Statusdifferenzen zwischen den Menschen hat sich das Erziehungssystem also entwickelt, um diese Differenzen augenscheinlich legitim und mit für jeden gleiche Startchancen in das Schul-, Bildungs- bzw. Erziehungssystem hin zu verlagern. Je mehr in Bildung investiert wird – so versprach man es sich, oder verspricht es sich noch immer – desto bessere Chancen bestehen, in eine entsprechende Organisation aufgenommen zu werden; einen „guten“ Beruf zu erlangen. Doch diese Rechnung – so scheint es – geht heute nicht mehr auf:

[D]ie lebenslange Anstellung ist selten geworden, und auch Hochqualifizierte müssen sich häufiger als früher auf befristete Verträge oder Leiharbeitsverhältnisse einlassen.
via Gerechtigkeit: Die verunsicherte Mittelschicht | Wirtschaft | ZEIT ONLINE.

Das heißt, dass nebst Politik auch Erziehung oder alltagssprachlich die Bildung keinen Garant mehr für eine entsprechende Mitgliedschaft in einer solchen begehrten Organisation darstellt. Hohe Bildung und Höchstbildung werden immer mehr zur notwendigen Voraussetzung, um überhaupt eine zumindest theoretische Chance zu bekommen, am Arbeitsmarkt teilhaben zu können. Auch wenn eine Stelle für eine Ausbildung im Grunde kein Abitur, keine allgemeine Hochschulreife benötigt, da diese eben eine Berechtigung und Qualifizierung für ein Studium darstellt, so wird bei Bewerbungsgesprächen natürlich lieber derjenige genommen, der im Vergleich die höchste Ausbildung, die besten Noten besitzt und sich somit vom Rest abhebt. Und gleichzeitig kann dieser Bildung immer weniger eine Rückversicherung entnommen werden, um selbst mit Höchstbildung langfristige (soziale, berufliche, lebensnotwendige) Sicherheit gewährleistet zu bekommen. Wir befinden uns – um mit Beck zu sprechen – in einer individualisierten, fragmentierten Risikogesellschaft, in der jeder seine eigene Berufsbiographie meißeln und für seine möglichen Misserfolge gerade stehen muss. Und die diese Umstände umgebene Struktur verengt sich immer stärker in Richtung Knappheit. Kein Wunder also, dass eine überhöhte und zugleich allseits angestrebte Verfolgung von Elitentum zu verzeichnen ist. Wenn selbst Personen, die zur Elite gerechnet werden (können) von der nächsten Blase sprechen, die der Immobilienblase folgen wird: die höhere Bildung!

Zu 3.: Die nachgezeichneten Veränderungen deuten also auf diese quasi realistische Überhöhung von Elite hin und geben ihr ein legitimes Fundament. Denn schließlich möchte jeder dazugehören, hat jeder Angst abzurutschen, und merkt schließlich jeder die grassierende Unsicherheit, die weder berechenbar, noch hinsichtlich dessen Ende einschätzbar ist und vor nahezu Niemandem halt macht. Bis auf, ja bis auf die Elite. Möchte man gewissen Autoren Glauben schenken, so können hier nur rigorose Veränderungen des Kapitals Abhilfe leisten und eine tendenziell homogenere Verteilung von Kapitalsorten erzeugen, die diese gegenwärtigen Tendenzen kompensierend irritieren versuchen können. Inwieweit eine solche Umverteilung den globalisierten, funktionalisierten, fragmentierten, individualisierten, extrem komplexen, sowie territorial diversifizierten Sachlagen überhaupt einhalten gebieten können, ist jedoch eine Frage, die sich letztlich eigenständig, diskursiv und sozial-evolutionär Entwickeln wird. Eine einzelne einhellig gewollte Richtungsveränderung bleibt in meinen Augen Utopie.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Erträumte Elite – Ein Auslaufmodell, oder postmoderne Realität?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s