Wie der Zug die soziale Norm überrollt

Dass wir in einer Zeit leben in der es quasi kaum mehr freie unregulierte Räume gibt – seien es nun Diskursräume, Räume in denen wir ins bewegen und agieren oder Räume, die wir zum schieren Leben beherbergen – scheint nicht nur ein Verdienst fortschreitender Vernetzung dieser Räume untereinander qua hypermoderner Infrastrukturen im Bereich Kommunikation und Transport, sondern ebenso ein Verdienst der zunehmenden Virtualisierung dieser Infrastrukturen zu sein. Nicht Unschuldig hierbei sind natürlich auch die Wissenschaft und dessen Anspruchsinflation von kartographieähnlichen Erschließungen allen Denkbarens. Als Konsequenz können wir zumindest festhalten, dass wir uns in einer durch und durch durchstrukturierten und durchregulierten Aktualisierungssphere von Zwei-Seiten-Formen fortbewegen und prozessieren, in der nichts mehr dem freien Kalkül überlassen werden kann und sich einfach so vollzieht.Zugleich entwickeln sich in diesen Sphären ganz automatisch gewisse Routinen, routinisierte Wahrscheinlichkeiten, die aus diesem Kontingenzraster fallen und Struktur in das Durcheinander bringen, welches jedoch an sich wiederum zufällig geschieht. In der eigentlich vollregulierten Lebenshemisphäre Welt ereignen sich somit punktuell und zufällig Muster, die sich diesen Vorgaben strickt entziehen. Die noch nicht (gänzlich) erfasst wurden und sich aus reiner Naivität, aus reiner Willkür ereignen.

Ein eben solches Phänomen ereignete sich erneut an diesem Sonntag. Die ausschweifende Rede ist hier der in diesem Fall der zumindest sozial nicht regulierte Raum im Bereich vor den Zugtüren. Dieser Raum, der sowohl soziale als auch subjektive Wahrnehmungs- und Bedeutungszuschreibungen erhält, scheint ein solcher strukturfreier Raum zu sein, der sich einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung gleichsam gänzlich zu entziehen scheint. Schwerelos treibt er nichtsahnend umher. Nicht greifbar und bisweilen unsichtbar existiert er schlicht. Sowohl die Personen im Zug, als auch die Personen außerhalb des Zuges stehen und gehen direkt vor der bzw. die Tür um schnellstmöglich durch diese hindurch zu schreiten. Die gegenüberliegende nichtssagende und schier störende Seite wird erst garnicht beachtet. Und so entsteht sehr rasch eine Art Pfropfen, der den Verkehr zum Stillstand zwingt und ein Gerangel und Geraune auslöst, welches sich anschließend gewissermaßen in Unmut entlädt. Die Menschen agieren ohne zu reagieren. Sie wollen rein und raus und das von beiden Seiten gleichzeitig. Und niemand sagt ihnen wie sie dies bestmöglich bewältigen können. Niemand ist da, der sie anleitet und reguliert. Jeder verhält sich seinem Ziel entsprechend und dies führt zu großem Widerstand. Nichts geht mehr, lange sich dehnende Sekunden stehen die drinnen rauswollend und verharrend sowie die draußen reinwollend und verharrend, da sich auf beiden Seiten nichts bewegt. Jeder reagiert irgendwie für sich, ohne soziale Norm, ohne entsprechende Gebrauchsanweisung beinahe unzivilisiert und quasi triebgesteuert ohne rücksichtsvolle Ratio und Geduld. Fast panisch drängeln nun beide Seiten in ihre intendierte Richtung, annehmend den Zug oder die Freiheit zu verpassen. Stärker wird der Druck, aggressiver der latente Unterton der Handlungen. Größer werden die Augen, das Knie härter und fordernder. Mit jeder verstreichenden Sekunde wachsen die Schritte um Größe und die Gehversuche in diese eine Richtung werden insistierender. Die Zeit scheint still zu stehen. Für die Ewigkeit…

Schubsend und beinahe taumelnd entstehen nun jedoch langsam fast automatisch sickernde Mulden, die beiden Menschenmassen allmählich den Zugang zum gedachten Ziel gewähren. Die Kraft obsiegt, der Trieb gewinnt. Noch stockend zwar und grob doch zielsicher in seiner Ausführung. Das gänzlich unregulierte Chaos gewinnt in seiner ganz eigenen Fasson und setzt sich an diesem unscheinbaren und für gewöhnlich unbeachteten kleinen, gar wunderbar menschlichen Schauspielwinkel fortwährend durch. Ganz eigenständig und selbstkomplex. Scheinbar jeder äußeren Beobachtung verborgen und jedweder Systematisierung entziehend. Und doch so imposant in seiner affektiven Intensität. Schleichend kontingent aber direktiv und unmittelbar zugleich in seiner Form. Und dabei jedesmal wirklich hübsch anzusehen. Und eben zu kommentieren. Denn nirgendwo anders prallen Realitäten so unmittelbar aufeinander. Und jenes kolossale Schauspiel schließlich, welches so sonderbar daherkommt, ist schlicht als Leben bekannt.

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