Transkulturelle Differenzreflexion

Migrationsdiskurse in ihrer Formfalle und ein möglicher Ausweg

Die Debatten, Diskurse, Pöbel- sowie Raufereien auf dem Schlachtplatz der kulturellen Distinktionskämpfe haben trotz aller medialstruktureller Wellenförmigkeit seit den prominenten Thesen aus dem Jahre 2010 gewissermaßen Hochkonjunktur. Man grenzt aus, kategorisiert und unterscheidet schlichtweg dominant im Schema Dort und Drüben, Hier und Da, Ich und Du, Wir und die Anderen, Kultur und Nicht-Kultur bzw. Gleich und Anders. Kaum ein öffentlicher Dialog der sich selbst beschreibenden Wissensgesellschaft kommt um diese Distinktionskategorien, diese komplexitätsreduzierenden und zugleich trendhaften Mainstream-Blaupausen herum und muss, sofern er sich denn eben im Rahmen politischer Korrektheit nicht selbst desavouiren möchte, zumindest holzschnittartig auf den Vermerk MigrationsXX verweisen, ihn affirmativ ansprechen oder gar lobend erwähnen. So wird wie selbstverständlich vor dem Hintergrund der Selbstbeschreibung gegenwärtiger Gesellschaftsentwürfe durch jene Imperative Wissen, Welt, Bildung und Information zuvörderst in eben jenem diese Imperative gestalterisch auskleidenden Bereich schulischer und universitärer Bildung äußerst gern auf den dominierenden Sachverhalt der notwendigen und besonderen Unterstützung, Finanzierung oder Anerkennung der Migrierten schwadroniert, so dass sich die Seiten sämtlicher Zeitschriften und Fachpublikationen füllen. Man konstatiert es sei schlimm, ginge garnicht oder dass es schon wieder würde, sofern man sich in dieser Hinsicht doch anstrenge. Es werden ferner entsprechende Aufklärungsprogramme vorgeschlagen, durchmischte Klassen- und Kursverbünde als Integrationsversprechen dargestellt, ein früher Kontakt gar in der Vorschule oder im Kindergarten hochgehalten oder im häufig leider sanktionsreichsten Fall schier ausgegrenzt, diskriminiert oder schlichtweg abgeschlachtet. Auch öffentlich-medial wirksame Vorbildfunktionen á la Innenminister Friedrich scheinen diesen Sachverhalt – wie aktuell berichtet – eher populistisch und aggressiv zu schüren, denn differenziert angehen zu wollen. Vor dem Hintergrund allgemein zunehmender Unsicherheit sowie Komplexität in puncto allgemeiner Sachzusammenhänge mag dies zumindest erklärbar sein und als konservartiv Gemeinschaft und zugleich Distinktion erzeugende Kompensationsstrategie fungieren. Konstruktive Veränderung hinsichtlich dessen wird hierdurch allerdings nicht erreicht.

Das scheinbar unsichtbare, latent im Hintergrund mitlaufende Paradoxon, welches sich innerhalb dieses Zusammenhangs eröffnet ist der Umstand, dass man sich gleichsam rigoros innerhalb der abgesteckten Differenz Gleich und Anders bewegt und scheinbar gar nicht mehr dort heraus gelangt. Überdies bleibt allein die nuancierteste, politisch korrekteste Bezeichnung eines Menschen als jemand mit Migrationshintergrund als people of color  oder Transmigrierter aufgrund derzeitiger Entwicklungen betreffs des scheinbar willkürlich changierenden Abstammungsprinzips qua Ius Sanguinis und Ius Soli wohlfeile Floskel, die in ihrer realiteren Faktizität kaum haltbar, geschweige denn korrekt zu nennen ist. Neben der natürlich ebenso für legitim zu haltenden, juristisch korrekten Beschreibung dieses Sachverhaltes soll hier allerdings das Hauptaugenmerk auf eine quasi transzendente Alternative nebst diesen vorangestellten Debatten gelegt werden, welche aus dem scheinbar für dezidiert wahrgenommenen Differenzschema ausbrechen und eine Diskursalternative anbieten soll.

Um dieser alltäglichen Verhaltensmatrix entkommen und ihr einen Gegenentwurf anbieten zu können, wird der erste Schritt in diese Richtung nicht um eine primäre Bewusstmachung dieser Differenzmatrix umher können. Die Vergegenwärtigung des Argumentations- und Beobachtungshorizonts in Form von Gleich und Anders wird in einem ersten Schritt dem anzugehenden Schemata Paroli bieten und es als kontingent erwachsen lassen müssen. Die Umschreibung der Beobachtungskategorie avanciert diese sodann in eine Möglichkeitsform, die nunmehr der Willkür sich zu bewehren hat. Und diese Willkür kann in einem darauf folgenden Schritt positiv in eine Transkulturelle Differenzreflexion münden, die sich dieser Unsichtbarkeits- und Ausblendungsformel komplettierend entgegenstellt. Transkulturelle Differenzreflexion als eben jene Fähigkeit, sich dieser angelegten Zwei-Seiten-Form bewusst zu werden und die weder abgeschlossene, noch etwas spezifisches oder reales aussagende Diskursvorgabe abzustreifen und reflexiv zu überwinden. Der Blick wird hierdurch also erweitert und umgelenkt, verschoben und vergrößert, um der Faktizität – zwar noch immer kontrafaktisch reduzierend, aber zugleich und hier wesentlich: anders – zu antworten und zu begegnen. Man kann somit durch die kulturalisierende Brille und über sie hinweg nun mehr erkennen. Man sieht, dass da noch mehr, noch anderes ist, als das Gleich und Anders. Man entdeckt den Menschen in seiner Vielfalt, in seinem Facettenreichtum, in seiner Unmöglichkeit ihn schematisierend Verkürzen zu können. Man wird sich der Entgrenzungsmöglichkeit gewahr und eifert ihr nach. Man kann wieder ergründen und zu neuen Ufern vordringen. Auch wenn sich das Umschriebene noch immer auf Zuschreibungen begrenzt, kann es nun anders und sublim daherkommen.

Behandelt den Menschen als das was er ist – ein Mensch. Die Kategorien erzeugen noch immer wir. Wir ideell diskurs- und wirkmächtigen Schein-Avantgardisten. So betragen wir uns doch auch entsprechend! Denn sich dieser Möglichkeit selbst zu berauben gleicht einer Virtuosin, die sich auf immer von ihrer leidenschaftlichen Begierde verabschiedet. Es bleibt final nunmehr schlichte Essenz zu konstatieren:

Sich der einfältigen Benennbarkeit zu entreißen für den Kampf zugunsten komplexer Entsprechung, das soll das Ziel sein.

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