Verabsolutierung des eigenen Standpunktes | Ein Manifest der Kontingenz

Was als eine der geschichtlich wohl bedeutendsten Errungenschaft des menschlichen Egos bzw. der Konsistenz seiner Individualität bezeichnet werden kann, ist vor dem Hintergrund gegenwärtiger erkenntnistheoretischer Einsichten nur noch als unsicherheitskompensierende Handlung zu verstehen, die einen objektiven Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Wahrheit nicht mehr stellen kann: Gemeint ist die Verabsolutierung des eigenen Standpunktes. Als Aufrechterhaltung, als Absicherung der eigenen Identität, des eigenen gedachten Ichs wird ein absolutes, einheitliches Konstrukt mit Meinungen erschaffen, welches seinen Standpunkt, seine Ansichten und Gedanken als die einen, unabdingbar richtigen hochhält und sie dem anderen unterbreitet, als seien sie unantastbar. Gegenteilige Überzeugungen und Sichtweisen werden so oft gar nicht zur Kenntnis genommen oder schlicht überhört. Man ist sich seines Standpunkt sicher und das Gegenüber, der Andere erzählt etwas mir unangenehmes, etwas mir verqueres, was ich nicht hören möchte, was ich ausblende  – bei dem ich einfach abschalte. Ich weiß, ich bin überzeugt davon, dass ich recht habe, dass meine Meinung diejenige ist, die des Wahrheits Kern enthält. Die über allen anderen Ansichten steht und über sie nur lachen kann. Als gleichwertigen oder wenigstens aushandelbaren Gegenpol sehe ich sie jedoch keinesfalls. Wie denn auch? Besitze doch ich die einzig wahre, einzig objektive Sicht der Dinge. Diese Überlieferung, diese Übernahme solch konservativ-überholter Überzeugungen, man sei des Wahrheits Ursprung scheint ein Überbleibsel konsistenter Identitäten, einheitlicher Vorstellungen vom Entwurf eines homogenen Ichs zu sein, welches verletz- und angreifbar sein Selbst verteidigen, oder dieses zumindest durch seinen Standpunkt, mit welchem es sich identifiziert, überhaupt erst sichtbar werden lässt.

Jenes hiesige Konstrukt scheint – verfolgt man systemtheoretische, also durchaus komplexe Gedankengänge – in dieser oben skizzierten ontologisch-manifesten Gegenebheit jedoch nicht mehr zu greifen und bedarf deshalb einer ernsten Neujustierung und Reformulierung. Aus der Warte gesellschaftlicher Überlegungen, die einen superioren quasi gottesähnlichen Blick gen Erde streng verneinen und auf egalisierte, rein dem tatsächlichen Usurpieren gewählter kommunikativer Antwortroutinen und oftmals unmöglich zu antizipierende -zufälle setzen, müssen also sowohl die sich selbst als a priori primatär verstehende und beschreibende Doktrinen überdacht und das Konstrukt von Identität bzw. des eigenen Standpunktes reanalysiert werden um sie dem neuen Vokabular einfügen zu können.

Identität – so könnte man diesen einleitenden Ausführungen folgend beschreiben – stellt hiernach also weniger ein in sich geschlossenes, konstantes Modell verfügbarer Entitäten dar, auf die man selbst kontinuierlich zurückgreifen und dauerhaft auf sie durchgreifen könnte. Vielmehr handelt es sich bei der eigenen Identität und somit bei dem eigenen, dieser Identität zugeschriebenen Meinung, diesem Standpunkt um ein äußerst fragiles, sich ständig in der sich je selbst reproduzierenden Gegenwart (oder vielmehr den Gegenwarten) veränderndes und dauerhaft infantiles Fluchtwesen, das immer der Gefahr ausgesetzt scheint, wieder zu verschwinden, sich zu verändern, sein Fundament aufzubrechen und in etwas Nichtfassbares zu entweichen, sich aufzulösen. Desto wichtiger erscheint auf der anderen Seite das unentwegte Reproduzieren von sich der konsistent geglaubten Identität konfirmierende Handlungen, Standpunkten und eben Meinungen zu werden, das dieser Liquidität immerzu entgegenwirken (muss).

Folgt man hierbei den Thesen, dass eine solche Volatility gesamtgesellschaftlich ihren Ursprung findend und sozialpsychologisch in seiner Wirkung gesehen eher zu Kompensationshandlungen führt, die jene Unsicherheit einzuschränken versucht, gibt es hierfür auch eine plausible Erklärung, wieso ein solch enormes insistieren auf eigene Standpunkte und Weltansichten zu konstatieren ist.

Identität – so muss weiter ausgeführt werden – ist also (und hier kann erneut Luhmann herangezogen werden) unter differenztheoretischem Blickwinkel nichts weiter als eine Potentialität im weiteren Verlauf von Kommunikation affirmierend erwähnt und zugleich von einem Selbst dichter und wahrscheinlicher erlebt zu werden. Je häufiger jemand anderes dir also bestätigt, wahrnimmt, dass du in deinem entsprechenden und aktuellen Verhalten, Gehabe, Distinktieren oder Aufgefalle authentisch scheinst und du hierdurch gleichzeitig annimmst, dass du dieses Verhalten bist, so wirst du dieses als positiv vermittelt wahrgenommene Handeln auch in zukünftigen Situationen zu imitieren versuchen. Gleichzeitig blendet sich dasjenige Handeln, welches sozial ignoriert wird quasi selbstständig aus und wird unsichtbar; nicht weiter wahrgenommen und wiederholt.

Und diese sich sukzessive verselbstständigende und formend abzeichnende Silhouette von konsistenter Identität übt ferner eine gewisse Kraft auf die eigens vertretenen Standpunkte aus; auf das was als unsere eigene Meinung wahrgenommen und weiter geäußert wird. Sozial registrierte und positiv beantwortete Identitätsangebote werden vor dem Hintergrund annerkennungstheoretischer Prämissen nun also für den kontinuierlichen Aufbau von Identitätsschnipseln zusammengeklebt und zu einer ideellen Einheit zusammengeführt. Dass sie schlicht kontingent sind und zu jedem Moment abgelehnt, ausgeblendet und dadurch praktisch vernichtet werden können, scheinen die meisten in diesem Zusammenhang schlicht auszublenden. Sie sind nichts weiter als potenzierte Möglichkeiten, die so und nicht anders, jedoch jetzt und nicht später akzeptiert wurden. Vorübergehend muss man einschränkend einfügen.  Denn diese Form kann bereits morgen diskursiv durch einschneidende und formgebende Ereignisse rekonnotiert und womöglich abgelehnt werden und muss dadurch mühselig neu geformt und konstruiert werden. So kann ein Trend bereits morgen out sein. So können (politisch korrekte) Meinungen morgen bereits für überholt und abtrünnig erklärt werden und müssen erst dann überdacht werden. Aber warum eigentlich erst dann?

Wieso machen wir uns diesen Sachverhalt also nicht zu Nutze und akzeptieren diese Kontingenz? Weshalb einen eingefahrenen, im Grunde immer falschen Standpunkt vehement verteidigen, denn als dessen Vermittler auftreten? In einer gewissen Metaposition Meinungen und Kontroversen zueinander führen, sie als gleichwertig, als weder superior, noch inferior sondern schlicht auch möglich zu betrachten und als weiteren Winkel, aus dem ich die Schatten der Realität heraus einfange, wahrnehmen. Das wäre ein Ziel.

Von den Krügen lernen, die sich der Formgebung aufbewahren und schlichte Fluidität in sich tragen. Stets wissend, dass der Trank ein andrer sein kann.

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